Yvonne Jurmann erinnert sich

Walter and Yvonne, 5th wedding anniversary Yvonne und Walter, fünfter Hochzeitstag, 1958

Yvonne Jurmann at home bar Yvonne und Walter in ihrem Haus in Hollywood, 1962

Lange, bevor ich meinen Mann kennenlernte, kannte ich bereits seine Musik. Während meiner Jugend in Ungarn, in und nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde Musik für mich—wie für viele andere—Zuflucht vor den Schrecken und der Hoffnungslosigkeit des Alltags.

Die Unterhaltungskomponisten schrieben damals romantische, optimistische Melodien, bei deren Hören die Menschen sich glücklich fühlten. Viele Melodien, die ich liebte, stammten von Walter Jurmann, ohne daß mir sein Name damals bekannt gewesen wäre. Jahre später hat er sich dazu geäußert. Er war der Meinung, ein Komponist lebe durch seine Musik. Ihm war es nicht wichtig, daß sein Name bekannt war, solange seine Lieder die Menschen erreichten.

1948 gelang es meiner Mutter und mir, in die Vereinigten Staaten zu emigrieren, wo wir uns ein neues Leben aufbauen konnten. Eines Tages traf ich auf einer Party einen sympathischen, eleganten Herrn. Er saß am Klavier und spielte leise Melodien, die nostalgische Erinnerungen in mir weckten. Ich sagte ihm, daß er meine Lieblingslieder spiele. "Lieben Sie diese Lieder wirklich?" fragte er lächelnd und fügte dann mit Wiener Charme hinzu: "Die sind von mir." Wir kamen ins Gespräch und ich fühlte, daß seine Musik eine echte Widerspiegelung seiner Persönlichkeit war. Ich wusste, daß ich den Mann meines Lebens gefunden hatte.

Walter war empfindsam, romantisch und zartfühlend, und er besaß viel Humor. Er interessierte sich sowohl für die schönen Künste als auch für die Ideen der Jugend, eigentlich für alles, was sich in der Welt tat. Er war gar nicht egozentrisch, und er hatte die Gabe, andere Menschen anzuerkennen und sich über deren Kreativität und Erfolge zu freuen. Er hat mich in meiner Arbeit als Modedesignerin immer unterstützt und war stolz auf meine Erfolge.

Walter lebte nicht in der Vergangenheit. Für ihn war wichtig, was für ein Mensch man heute ist. Diese tiefe Aufrichtigkeit spiegelt sich auch in seiner Musik wider. Man könnte sagen, daß seine Musik eine Dokumentation seines Leben ist, ein Bild dessen, woran er glaubte und was er fühlte, und ebenso ein klingendes Bild von den Städten und Ländern, in denen er gelebt hatte und als Künstler aktiv gewesen war. Mir ist noch lebhaft in Erinnerung, wie Walter mir sagte, daß er in dem Lied San Francisco seine Begeisterung für Amerika, den Optimismus diesem Land gegenüber zum Ausdruck bringen wollte. Es war eine von seinen ersten Kompositionen in der neuen Heimat. Heute ist sie das offizielle Lied San Franciscos.

Immer dann, wenn es die Wahl zwischen Integrität und beruflichem Aufstieg gab, war Walter kompromisslos. Er entschied relativ früh—mit knapp Mitte vierzig—sich als Komponist von der Filmmusik zurückzuziehen. Aber er hat nie aufgehört, zu komponieren. War er auch nicht der Mensch, der für sich selbst geworben hätte, so glaubte er doch fest daran, daß seine Musik Bestand haben würde. Und dieser Glaube ist bestätigt worden! In seinen letzten Lebensjahren wurde ihm nochmals viel Anerkennung zuteil, was ihn sehr freute. Eines seiner letzten Lied, A Better World to Live In, enthält wieder seine Lebensphilosophie: Hoffnung auf Frieden auf Erden und auf die Erhaltung der Welt “als einen Ort,

Wenn ich an meinen Mann denke, sehe ich den offenherzigen, bescheidenen, liebevollen Menschen und Musiker vor mir, dem nichts lieber war, als sein großes Talent zu nutzen, um Freude in das Leben anderer zu bringen.

Yvonne Jurmann signature

Yvonne Jurmann
Los Angeles, 2009


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