Kurzbiographie von Walter Jurmann

Walter Jurmann with family, 1910Die Jurmann Familie, 1910: Hermine, Otto, Walter und Norbert

Walter Jurmann wuchs in Wien auf, einer Stadt, die trotz der einschneidenden Veränderungen nach dem Ersten Weltkrieg an kulturellen Traditionen festhielt. Am 12. Oktober 1903 als Sohn einer gutbürgerlichen Familie geboren, zeigte Jurmann frühe Anzeichen musikalischer Begabung  und war bereits als Teenager ein ausgezeichneter Pianist und Sänger. Nach seinem Abitur hätte er gerne gleich eine musikalische Karriere eingeschlagen, folgte aber zunächst dem Wunsch seiner Eltern und studierte Medizin an der Wiener Universität. Die Abende verbrachte er allerdings in der Wiener Staatsoper oder er musizierte mit Freunden.

Jurmanns Leben nahm eine entscheidende Wende, als er wegen einer Brustfellentzündung zur Erholung nach Semmering geschickt wurde, einem Kurort 100 km südlich von Wien. Dort verkehrte er im Hotel Panhans, einem beliebten gesellschaftlichen Treffpunkt. Wie in allen eleganten Hotels sorgte ein Barpianist für Stimmung. Wenn dieser eine Pause einlegte, setzte sich Jurmann ans Klavier und war bald so beliebt, dass die Hotelleitung ihm eine Stelle anbot. So gab Jurmann das Medizinstudium auf und wurde Berufsmusiker. Endlich konnte er das machen, wofür sein Herz schlug: Musik.

Eine für seine Karriere bedeutende Begegnung war kurz danach die mit dem Wiener Textdichter Fritz Rotter, der sich bereits einen Namen gemacht hatte. Rotter war ein Mann von Welt, der jeden kannte und der einen sechsten Sinn für Talente besaß. Beeindruckt von Jurmanns Musikalität schlug Rotter ihm eine Zusammenarbeit und die Übersiedlung nach Berlin vor.

In den zwanziger Jahren war Berlin nicht nur die wichtigste Kulturstadt im deutschsprachigen Raum, sondern auch Zentrum einer wachsenden Musikindustrie. Jurmann überzeugte mit seinem Wiener Charme und spielte sich in der berühmten Eden Bar—verewigt im Film Grand Hotel—in die Herzen der Gäste, unter denen auch Franz Léhar, Richard Strauss und

Walter Jurmann, 1935
Walter Jurmann in Berlin, 1935

Jurmann fühlte sich sehr wohl in dieser neuen Welt. Ein Photo aus diesen Jahren zeigt einen gut gekleideten, schneidigen jungen Mann mit Spazierstock flott eine Berliner Allee hinunter schreitend. Der Grundstein für Jurmanns Karriere als Schlagerkomponist wurde mit dem ersten gemeinsamen Opus von Jurmann und Rotter gelegt, Was weißt denn du, wie ich verliebt bin. 1928 auf einer Odeon-Platte mit Richard Tauber veröffentlicht, wurde das Lied sofort ein Hit. Das führte dazu, dass Jurmann bei der neu gegründeten Firma Ultraphon als Komponist und Sänger unter Vertrag kam. Und nun folgte ein Hit nach dem anderen. Die Schlager waren leicht, frech, zynisch oder zärtlich und spiegelten den damaligen Zeitgeist wider. Berühmte Orchester und Künstler, darunter Jan Kiepura, Jussi Björling, Hans Albers, Willy Fritsch, Dajos Béla, Theo Mackeben u.v.a. sangen Jurmanns Lieder und nahmen sie auf.

Wie es oft bei kreativen Künstlern der Fall ist, so war auch die Zusammenarbeit zwischen Jurmann und Rotter unkonventionell und manchmal einem Zufall überlassen. So begann einer ihrer größten Hits als Scherz. Während beide auf einen Kollegen warteten, improvisierte Jurmann auf einen unsinnigen Reim Rotters. So entstand der Hit Veronika, der Lenz ist da, der als Erkennungsmelodie der Comedian Harmonists bekannt wurde, des wohl berühmtesten a-cappella-Ensembles der damaligen Zeit, das stets in Frack und Zylinder auftrat. Der Schlager wurde so erfolgreich, dass man ihn heute für ein Volkslied hält.

Mit dem Tonfilm hatte 1929 eine neue Ära begonnen. Jurmann schloss sich den ersten Filmpionieren an und bekam 1930 den Auftrag für alle fünf Lieder in dem Film Ihre Majestät die Liebe (und den französischen und englischen Fassungen Son altesse l´amour und Her Majesty, Love). Dieser Film wurde ein großer Erfolg, nicht zuletzt durch Jurmanns eingängige Melodien. Somit wurde der Name Jurmann bald gleichbedeutend für Erfolg schlechthin und er konnte der Nachfrage kaum Herr werden. Jurmann erkannte jedoch, dass ihn das musikalische Arrangieren für Film weniger interessierte als das Komponieren. Rotter machte ihn daraufhin mit dem polnischen Komponisten und Arrangeur Bronislaw Kaper bekannt. Beider Begabungen ergänzten sich hervorragend. Die nächsten zehn Jahre über arbeiteten die beiden Komponisten als Team: Kaper arrangierte die Melodien, die Jurmann so mühelos einfielen.

Schon nach wenigen Jahren in Berlin hatte Jurmann bereits den Höhepunkt seiner Karriere erreicht. Selbst Straßenmusiker spielten Jurmanns Melodien bereits wenige Stunden nach deren Erscheinen auf Schallplatten oder in Filmen. Der Rundfunk-Kommentator Helmuth M. Backhaus stellte fest: „Jurmann war das seltene Talent gegeben, für alle komponieren zu können—für die Intellektuellen wie für den Naturburschen. . . . Die Jurmann-Melodien tragen [einen Sänger] beinahe wie von selbst.“

Trotz oder vielleicht wegen der unheilvollen politischen Entwicklungen in Deutschland erschien 1933 eine weitere Serie erfolgreicher Filme mit leicht-beschwingten Melodien Jurmanns. Im März kam der Film Heut’ kommt´s drauf an, in dem Hans Albers den flotten Schlager Mein Gorilla hat 'ne Villa im Zoo singt, mit der politisch zweideutigen Zeile „Er kennt keine Politik, und es ist sein höchstes Glück, die Gemahlin zu jucken“. Einen Monat später folgt der deutsch-französische Jan Kiepura Film Ein Lied für dich, mit dem Song Ninon, der weltweit beliebt wurde. Die französische Fassung dieses Films Tout pour l´amour führte zu einer Einladung nach Paris. Noch im selben Jahr verließen Jurmann und Kaper, wie so viele andere gefährdete Künstler und Intellektuelle, Deutschland und  gingen nach Frankreich.

Walter Jurmann and Bernard Kaper Jurmann und Bronislaw Kaper im Studiogelände von MGM, 1935

Jurmann hielt sich anderthalb Jahre in Frankreich auf und schrieb Lieder zu diversen französischen Filmen, u.a. Les Nuits Moscovites. Er passte seinen Stil so erfolgreich dem französischen Genre an, dass einige seiner Lieder, unter anderem Le bistro du port, das er unter dem Pseudonym Pierre Candel schrieb, in Frankreich noch heute populär sind. Im August 1934 heiratete Walter Jurmann in Paris Anni Wassermann, von der er sich nach kurzer Zeit wieder trennte.

1934 traf Louis B. Mayer von Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) in Paris ein, wo er Jurmann und Kaper aufsuchte und ihnen einen Siebenjahresvertrag in Hollywood anbot. Noch im selben Jahr trafen die beiden Komponisten in Hollywood ein. Der Hollywood Reporter kündigten ihre Ankunft mit der Schlagzeile “Berühmtes musikalisches Duo trifft im Studio ein!” an.

Die Vielseitigkeit, die Jurmann bereits in Deutschland und Frankreich bewiesen hatte, war MGM bekannt, aber anfangs bekam das Jurmann-Kaper Team hauptsächlich Aufträge für Filme mit europäischen bzw. „fremdländischen“ Themen. Ihr Debütfilm in Hollywood war die Komödie Escapade mit einem weiteren Neuankömmling in Amerika, Luise Rainer. Für diesen Film schrieb Jurmann eine Melodie, die meisterhaft den österreichischen Hintergrund dieses Films beschwor. Das romantisch-sentimentale Lied You’re all I Need hielt sich neun Wochen auf Platz Eins der amerikanischen Charts. Mit dem Love Song of Tahiti für den Film Mutiny on the Bounty (Meuterei auf der Bounty) gelang es Jurmann, eine unverkennbar tropische Atmosphäre herzustellen. Kurze Zeit später überraschte er mit dem "italienischem" Cosi Cosa für den Marx-Brothers-Film A Night at the Opera.

Aber Jurmann wusste, dass er auch „amerikanische“ Lieder komponieren könnte, und er bewies dies mit dem Titelsong San Francisco für den gleichnamigen Film mit Jeanette McDonald, Clark Gable und Spencer Tracy. Das Lied wurde über Nacht ein durchschlagender Erfolg, womöglich Jurmann’s berühmteste Melodie. Zwei Jahre später ernannte man Walter Jurmann zum Ehrenbürger von San Francisco, und 1984 wählte die Bevölkerung San Francisco zum offiziellen "City Song" der Stadt. Die beschwingte, mitreißende Melodie durchzieht den ganzen Film und steht im Mittelpunkt seines dramatischen Klimax.

Jurmann, Kahn, Garland, Kaper at pianoWalter Jurmann, Deanna Durbin und Joe Pasternak anläßlich der Filmproduktion von Three Smart Girls, 1936

Nach dem Erfolg von San Francisco wurde Jurmann an die Universal Studios für Henry Koster’s Film-Musical Three Smart Girls verliehen. Die Jurmann-Songs My Heart is Singing und Someone to Care for Me verhalfen der sechzehnjährigen Deanna Durbin zum Durchbruch. Zurück bei MGM komponierte Jurmann für den Marx-Brothers-Film A Day at the Races den Song Tomorrow Is Another Day, den Allan Jones singt, für den Film Everybody Sing mit der blutjungen Judy Garland die von ihr gesungenen Songs Melody Farm und Swing, Mister Mendelssohn und viele andere.

Wie auch bei seinen europäischen Film-Schlager, lebten viele von Jurmanns amerikanischen Film-Songs nach dem ersten Filmerfolg weiter. All God’s Chillun Got Rhythm aus A Day at the Races, der auf so verblüffende Weise Elemente von Spirtuals und Jazz verband, wurde von Musiker wie Duke Ellington, Lionel Hampton, Nat Gonella, Jimmy Dorsey, Art Tatum etc. aufgegriffen. Der Name Mario Lanza wurde praktisch gleichbedeutend mit dem Song Cosi Cosa aus A Night at the Opera. Im Laufe der Jahrzehnte entstanden fast hundert verschiedene Einspielungen von San Francisco. Judy Garland interpretierte den Song 1961 in ihrem legendären Abschiedskonzert in der Carnegie Hall.

Die späten dreißiger Jahre brachten grundlegende Veränderungen in der Filmindustrie. Nicht mehr der Schlager, sondern die dramaturgische Handlung, d.h. also die Filmpartitur, war plötzlich von primärem Interesse. Jurmann war an dieser Art des Komponierens, die für ihn große Bereitschaft zu Kompromissen bedeutet hätte, nur wenig interessiert. Als sein Vertrag mit MGM Ende 1941 auslief, entschied er sich, wieder freischaffend tätig zu sein.

Natürlich berührten ihn auch die politischen Verhältnisse in den Vereinigten Staaten. Er hatte im April 1941 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalte und mit Kriegseintritt der USA meldete er sich freiwillig zur Armee. Nach seiner gesundheitlich bedingten Entlassung im Mai 1942 beteiligte er sich an der USO-Truppen-Unterhaltung für verwundete Soldaten.

In den folgenden Jahren hatte Jurmann vor einer Auswahl zwischen vielen interessanten Filmprojekten. Er arbeitete zusammen mit den Produzenten und Regisseuren Joe Pasternak, Frank Borzage und Norman Taurog, den Filmstars Judy Garland, Kathryn Grayson und Marta Eggerth. Unter den Filmen, für die Jurmann Musik schrieb, befinden sich Seven Sweethearts, His Butler’s Sister, Presenting Lily Mars, Thousands Cheer und Three Letters in the Mailbox—Filme, die noch heute eine Freude sind. Aus dem Film Nice Girl? sang Deanna Durbin im Weißen Haus den Jurmann-Song Thank You, America zur Amtseinsetzung Präsident Franklin D. Roosevelt.

Walter and Yvonne Jurmann in San Antonio, Texas Yvonne und Walter Jurmann in San Antonio, Texas, ca. 1967

Seit Jurmann in die Vereinigten Staaten ausgewandert war, interessierte er sich auch für das amerikanischste aller  Genres, das Musical. Über die Jahre hinweg hatte er verschiedene Projekte ins Auge gefasst aber immer wieder verworfen. Anfang der vierziger Jahre fand er ein Thema, das ihm viel versprechend für ein Musical schien. Die darauf folgende Zusammenarbeit an dem Musical namens Windy City mit dem Librettist Philip Yordan  und dem Textdichter Paul Francis Webster, seinem langjährigen Partner, stellte sich jedoch als höchst kompliziert heraus. Dennnoch sagte Jurmann immer, dass die Musik, die er zu diesem Werk komponiert hatte, zu seiner besten gehört. Nach der Uraufführung 1946 in Chicago äußerten die Kritiker sich ähnlich: “Die musikalischen Höhepunkte treiben Rauch ins Ohr, und brennen vielleicht auch ein bisschen in den Augen,“ schrieb Claudia Cassidy in der Chicago Tribune. Jedoch musste Sidney J. Harris in der Chicago Daily News feststellen, “dass Walter Jurmans ergreifende und unvergessliche Musik (weitaus die reichste und denkwürdigste, die Chicagos Theaterbesucher in diesem Jahr zu Ohren bekommen haben) niemals Gelegenheit hatte, wirklich so gehört zu werden, wie sie es verdient hätte. . . . Bei einem dem Komponisten adäquaten Librettisten hätte Windy City ein städtisches Oklahoma! werden können.” Windy City wurde nach wenigen Aufführungen in New Haven, Philadelphia, Boston und Chicago abgesetzt.

Diese Enttäuschung trug zu Jurmanns Entschluss bei, sich nunmehr endgültig aus der Musikbranche zurückzuziehen. Doch er hörte nie auf, zu komponieren. Zeit seines Lebens hatte er, zuerst instinktiv, später mit professionellem Können, tiefe menschliche Gefühle in Musik auszudrücken gewusst. Nun, im Ruhestand, entstanden viele neue Lieder, die Glaube und Hoffnung, die Erinnerung an die Heimatstadt Wien, Dank an Amerika und Liebe zu Freunden und der Familie zum Ausdruck brachten. Nicht mehr auf Texten anderer basierend, sondern auf seinen eigenen, haben diese Lieder—darunter auch viele Liebeslieder an seine Frau, die Mode-Designerin Yvonne Jellinek, die er 1953 heiratete—eine besonders unmittelbare, persönliche Qualität.

San Antonio ist ein gutes Beispiel dieser Besonderheit. Komponiert während eines Besuches von Texas City war das Lied ein spontaner Ausdruck des Dankes und der Zuneigung. Die Uraufführung 1967 durch das San Antonio Symphony-Orchestra wurde mit Standing Ovations begrüßt und1985 wurde der Song einstimmig vom Stadtrat zum offiziellen City-Song erklärt. Ähnliche unmittelbar gerät Jurmanns musikalische Reaktion anlässlich seines ersten Nachkriegsbesuchs der stark bombardierten österreichischen Heimatstadt, das Lied Mein schönes Wien. In einem seiner letzten Lieder, A Better World to Live in, gibt Jurmann sowohl seinen unerschütterlichen Glauben an die Menschlichkeit wieder als auch seine Hoffnung auf Weltfrieden und die Mahnung „to keep this great big world a place we can believe in“.

Jurmanns Leben im Alter war ruhig und gelassen. Im Frühjar 1971 kam das Ehepaar Jurmann auf einer Urlaubsreise durch Europa wieder einmal in Jurmanns Heimatstadt Wien. Er genoss den Anblick der wieder aufgebauten Stadt. Dann ging es weiter nach Budapest, der Geburtsstadt seiner Frau. Dort starb Walter Jurmann am 17. Juni 1971 im Alter von siebenundsechzig Jahren unerwartet an einem Herzinfarkt.

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Walter Jurmann war durch und durch Musiker. Musik war ihm Lebensnotwendigkeit, und er komponierte, damit seine Musik auch anderen Freude bereiten würde. Er war nie daran interessiert, seinen Name bekannt zu machen. Aber er glaubte fest daran, dass seine Musik ihn überleben würde. Und so ist es auch gekommen. Heute, achtunddreißig Jahre nach seinem Tode, begeistert Jurmanns Musik weiterhin, von bekannten Künstlern neu interpretiert, in neuen Aufnahmen und in den schönsten Konzertsälen der Welt. Junge Künstler, die sowohl im klassischen Repertoire als auch in der Unterhaltungsmusik zuhause sind, entdecken wieder, dass Jurmanns Musik kulturelle und stilistische Klüfte überbrückt, weil sie grundlegende menschliche Gefühle widerspiegelt.

 


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